Dominante Arten – Roman

Millionen Menschen leiden darunter, mitansehen zu müssen, wie täglich Tier- und Pflanzenarten für immer von unserem Planeten verschwinden. Wesen, die die Natur in hunderttausenden Jahren erschaffen hat, in ihrer bunten Vielfalt, ihrer Schönheit und phantastischer Unterschiedlichkeit, entstanden durch variantenreiche Anpassung an die jeweiligen Lebensräume, an die Bedingungen, und Herausforderungen, die die Natur dem Leben in Urwald, Steppe oder Hochgebirge vorgab.

Jeden Tag werden diese Lebensräume durch die krakenartige Ausbreitung der weltweit nach den gleichen Schemata ablaufenden menschlichen Aktivitäten zerstört. Anstelle der natürlichen Vielfalt werden uniforme menschliche Wohnsiedlungen oder Gewerbegebiete gesetzt, Landwirtschaft in industriellem Maßstab implemenetiert und Straßen gebaut, die bis in entlegenste Gebiete vordringen und Rückzugsgebiete zerschneiden.

Trotz der auf allen Kanälen und in sämtlichen Medien omnipräsenten Lippenbekenntnisse zu Umweltschutz und Klimarettung haben die sterbenden Arten keine wirksame Lobby, die Bolsonaros und Trumps dieser Welt keine schlagkräftigen Gegner.

Dominate Arten“ ist ein Umweltroman, einer allerdings der das erdrückende Thema der Bedrohung unserer Erde durch den Menschen mit einer vielerorts spannenden, häufig witzig-skurilen Geschichte verbindet, ohne dabei den Anspruch auf Auseinandersetzung mit dem dramatisch-ernsten Thema aufzugeben.

Die Erde wird aus der Perspektive einer außerirdischen Art, einer seit Anbeginn der Welt existierenden Gruppe von 1024 körperlosen Wesen betrachtet: Ihre Lebensgrundlage und ihr einziges Nahrungsmittel ist der Sauerstoff; sie heißen „Oxygods“. Die Oxygods entdecken bei Ihrer Suche nach Sauerstoffvorkommen im Universum die Erde mit Ihrer sauerstoffreichen Atmosphäre und – gerade noch bevor sie mit der ansonsten routinemäßigen Extraktion des Sauerstoffs für ihre Zwecke aus der Atmosphäre beginnen – stellen sie dort seltsame Bewegungen fest und nehmen wahr, dass der Planet von unzähligen lebendigen Wesen bewohnt ist. Voller Begeisterung lernen sie deren Vielfalt und ihr symbiotisches Zusammenleben kennen. Die Erde wird zum Kur- und Sehnsuchtsort der Oxygods. Einer von Ihnen besucht die Erde in der Steinzeit und wird faszinierter Zeuge der damaligen Lebensweise:

Dominante Arten Roman von Reiner Trinkel
Buchcover

Leseprobe Eistal, S.74 ff

„An seine erste Begegnung mit den Farbhaaren erinnerte sich Hasenbart, der schon längst ein ganzes Steinzeit-Leben an Erinnungen in sich trug, dennoch mit einem Gefühl der Bewunderung. Die Menschen hatten ihr Sommerlager am Hochufer des Großen Flusses aufgeschlagen, der gemächlich zwischen den Abend- und Morgenbergen dahinfloss. Jetzt im Frühjahr wand er sich grün und klar durch eine endlos weite, mit dichten Gras- und Blumenteppichen bewachsene Ebene. Es wimmelte von Wisenten, Hirschen, Rentieren und anderen Huftieren, die zwischen Büschen, Birken- und Weidenwäldchen weideten. Von allen Seiten gluckerten und flossen Bäche und Flüsse heran, um sich mit dem mäandernden und ständig sein Bett wechselnden Hauptstrom zu vereinigen. Wegen dessen Unberechenbarkeit hatten die Menschen ihre Hütten nicht in die üppig bewachsene Flussniederung gebaut, sondern oberhalb des kleinen sandigen Tals, aus dem der Eisbach kommend in den Großen Fluss mündete.

Schnakenbein und Hasenbart hatte ihren achten Winter überstanden. Mit den anderen stiegen sie in die Ebene hinab. Die Sonne schien schon recht warm und die Luft war so erfüllt vom Gesang, dem Gekreisch und Gekrächz Myriaden liebestoller Vögel, dass die Menschen ihr eigenes Wort nicht verstehen konnten.

Die Kinder wurden zum Eiersuchen losgeschickt, während die Frauen Sauerampfer und Bärlauch pflückten oder Lauchzwiebeln ausgruben. Nur ein einzelner Mann blieb bei der Gruppe. Olk war im letzten Winter von einer Tigerkatze angegriffen worden. Das hatte ihn seine halbe Wade gekostet. Für die Jagd war er nicht mehr schnell genug.

Zum Schutz vor den vielen Raubtieren hatte man ein Feuer entfacht. Anschließend steckte Olk mit qualmenden Holzstücken das Terrain ab, in dem man sich nun einigermaßen gefahrlos bewegen konnte. Für Wölfe und Bären war der Geruch des Feuers gleichbedeutend mit Steppenbrand, so dass sie respektvollen Abstand zu dem Lager hielten.

Dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Vom Hochufer rutschte mit lautem Gepolter eine Herde Wisente in die Grasebene. Ihr Zug über den Abhang dauerte eine ganze Weile. Die Ausgelassenheit, mit der sie sich über das saftige Gras hermachten und die wilden Bocksprünge der Kälber fesselten Hasenbarts Aufmerksamkeit. Das zweite Ereignis bemerkte er erst, als es schon mitten unter ihnen war. Eine schwere Hand berührte seine Schulter. Zugleich hörte er eine der Mütter aufgeregt rufen und die eiligen Schritte Olks. Hasenbart fuhr herum und schaute in das Gesicht eines fremden, gelbhaarigen Wesens. Im Vergleich zu einem Bären hatte es mehr Ähnlichkeit mit den Menschen, schien aber nicht von ihrer Art zu sein.

Tatsächlich ähnelte seine Behaarung eher einem Bären, doch zwischen seinen Beinen schlenkerte, ähnlich wie bei Menschen-Männern, ein kurzes, dickes Glied, allerdings überwuchert von einem Wust blonder Wolle.

– Aachah!

sagte er und musterte Hasenbart aus blauen Augen, die unter mächtigen Stirnwülsten und wild wuchernden Augenbrauen hervorblitzten.

Brust, Schultern, Beine und sogar den Handrücken bedeckte ein dichter Flaum aus blondem wolligem Kraushaar. Er war nicht sehr groß, aber breit und stämmig gebaut. Auch seine behaarten Füße waren derb und groß, die Fußgelenke dick wie Baumstämme. In seinem Mund stak eine imposante Reihe braun verfärbter Zähne. Jetzt hob er seine Pranke und fasste Hasenbart ins Haar. Ängstlich hüpfte der einen Schritt zurück, was den Mann zu einem gutmütigen Lachen veranlasste. Inzwischen war Olk angekommen. Die Frauen und die anderen Kinder scharten sich um ihn. Bald sahen sie aus dem Blumen- und Gräserdickicht noch weitere solcher Wesen auftauchen. Es wurden immer mehr und rasch hatten sie, angelockt vom Rauch des Feuers, die Menschen regelrecht umzingelten.

Der Feuerstelle galt ihr Interesse. Es mochten wohl zwei Dutzend, vorwiegend Männer, aber auch drei Frauen und zwei Kinder gewesen sein, die sich nun langsam und ehrfürchtig den Flammen näherten. Jeweils zwei Männer trugen lange Holzstangen auf der Schulter, an denen gewaltige, mit Mammutfell bedeckte Fleischstücke hingen. Trotz der allgemeinen Aufregung lief Hasenbart das Wasser im Mund zusammen und auch die anderen bekamen große Augen.

Bei näherem Hinsehen bemerkten die Frauen, dass die Holzstangen armdicke Speere waren. Keiner ihrer Männer hätte solche Lasten tragen, geschweige denn mit solchen Speeren hantieren können. Aber um ein Mammut zu erlegen brauchte man wohl solche Waffen.

Olk war inzwischen zu einem Mann mit flammend rotem, von grauen Strähnen durchzogenem Haar getreten. Vermutlich war er das Oberhaupt der Gruppe. Es gab noch andere mit roten Haaren, in allen Schattierungen von Orange bis Braun, doch die meisten waren hell- oder dunkelblond.

Olk hob beide Hände zum Zeichen, dass er unbewaffnet war. Obwohl er den Rothaarigen um einen halben Kopf überragte, wirkte er merkwürdig unscheinbar neben dem ungeschlachten Klotz.

Der Chef sagte ebenfalls „Aachah“. Dann klaubte er seinen Penis aus einem Dickicht roter Wolle und pisste Olk auf die Füße. Der ließ den warmen Strahl ungerührt über sich ergehen. Er kannte das Ritual bereits. Nun begannen auch die anderen Farbhaare den Menschen auf Waden, Knie und Füße zu pinkeln. Der dampfend warme Urin war durchaus angenehm. Die Farbhaare sahen Olk erwartungsvoll an, und so urinierte auch er auf die Füße des Häuptlings. Die Frauen beider Gruppen sahen zu und kicherten. Die Farbhaar-Frauen hatten dicke behaarte Hintern und auch ihre Brüste waren behaart. Allerdings schien ihre Wolle weicher und feiner als die der Männer zu sein.“

Bei einem späteren Besuch um ca. 200 v. Chr. beobachten die Oxygods Hannibals Zug über die Alpen und ihr Bild des friedlichen Zusammenlebens bekommt erste Risse, als sie sehen, wie im vorderen Orient der Mensch die Natur bezwingt und zu welchen Gewaltakten er fähig ist. Im weiteren Verlauf nehmen die Außerirdischen zunehmende Störungen des natürlichen Gleichgewichts wahr und einige Jahrhunderte später erkennen sie die Gefahr einer totalen Zerstörung allen Lebens durch menschengemachte Eingriffe in die Natur.

Eine solche Prognose würde die Oxygods gemäß ihrer Logik dazu berechtigen, der Erde prophylaktisch den für sie so wertvollen Sauerstoff zu entziehen, da sie damit eine vorgezeichnete Entwicklung nur vorwegnehmen und den ansonsten verlorenen Schatz für sich retten würden. Die Entscheidung, ob eine Sauerstoffextraktion eingeleitet wird, hängt also davon ab, ob die Spezies Mensch tatsächlich das Leben auf dem Planeten Erde auslöschen wird, oder ob noch die Chance zu einer Umkehr besteht, die den Außerirdischen aufgrund ihrer ethischen Grundsätze die Sauerstoffentnahme verbieten würde.

Dies ist der Moment, an dem die Romanhandlung einsetzt: die Außerirdischen bedienen sich des cholerisch-egomanischen Juristen Karl Petersen im Gespann mit einem smarten Meteorologen als menschliche Repräsentanten und Sprecher. In Polit-Thriller-Manier kommt es zu internationalen Verwicklungen in den Schaltzentralen der Großmächte, inklusive finsterer Gegenspieler, zu globalen politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten und Umwälzungen mit surrealen Anteilen.

Zur Lebendigkeit des Romans tragen absonderliche Ereignisse, situative Komik und skurile Charaktere bei. Diskussionen zwischen einem Universitätsprofessor und einem Schweizer Original auf einer Berghütte, ein Besuch Goethes am traumhaften Gardasee oder die Geschichte eines bretonischen Wundercalvados (eine von mehreren kulinarischen Episoden, die auch etwas über die Freude des Autors an Essen und Trinken verraten), spannen einen Bilderbogen von der Steinzeit über das Mittelalter und die Zeit der Aufklärung bis heute.

Zusammenfassend, ein Polit- und Klimathriller mit Science-Fiction-Elementen, ein Roman der sich von der Deutung des menschlichen Wesens zur Entwicklung eines pragmatischen Lösungsansatzes bewegt, und der mit seinen Schilderungen des Zaubers, den die Natur auf den Menschen ausübt, und mit seiner tiefen Traurigkeit über die furchtbaren Verwundungen, die eben dieser ihr zufügt, in keine Gattung passt.

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